1. THEMA UND PROBLEMSTELLUNG Vulkaneruptionen sind spektakuläre Naturereignisse. Nicht nur für Wissenschaftler sondern auch für Touristen. Das Reisen zu Vulkangebieten ist auf der ganzen Welt verbreitet und der Tourismus in diesen Regionen ist ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden. Im Zuge des Naturtourismus finden Vulkanbesteigungen und Eruptionsbeschauungen großen Anklang und veranlassen jährlich Millionen von Touristen, die Vulkane unserer Erde zu besuchen und zu bestaunen. Daueraktive und vorwiegend effusiv eruptierende Vulkane garantieren Touristen mit ihren nahezu immerwährenden Lavaströmen, Lavafontänen und Gasaustritten imposante Einblicke in die geologischen Vorgänge unserer Erde. Folglich hat sich in vielen Vulkanregionen eine ausgeprägte Fremdenverkehrsindustrie mit entsprechender wirtschaftlicher Bedeutung entwickeln können, wenngleich diese Form des Tourismus in Standardwerken der Fremdenverkehrsgeographie noch nicht beleuchtet wurde. Infolgedessen ist bisher über die verschiedenen Besucher-Typen, deren Reisemotive, ihr Besucherverhalten und ihre Wahrnehmung noch nichts bekannt. Im Mittelmeerraum, befinden sich in kurzer Flugdistanz mit dem Ätna
und dem Stromboli zwei der aktivsten Vulkane unserer Erde. Beide sind
stark vom Fremdenverkehr geprägt und infrastrukturell gut erschlossen.
Insbesondere deutschsprachige Besucher nutzen während Ihres Sizilien
Urlaubs die Möglichkeit zumindest einen der beiden Vulkane zu besuchen.
Billigflieger nach Catania und Palermo begünstigen einen Besuch der
Vulkane gegenwärtig. Damit geht gleichzeitig eine aus den Alpen bereits bekannte Problematik
einher. Schließlich bestehen an einem Vulkan für Besucher über
die vulkanische Gefahren wie Verbrennungen, Vergiftungen oder von einer
sich stärkerer als gewöhnlich ereignenden Eruption überrascht
zu werden auch permanent gegebene Berggefahren wie Wetterumschwung, Blitzeinschlag
oder Absturzgefahr. |
2. DER THEORIERAHMEN: DAS HUMANÖKOLOGISCHE PARADIGMA Aufgrund der Annahme, dass sich der Vulkantourismus mit "Vulkanen"
beschäftigt, gilt die Geologie als relevante Disziplin. Diese gibt
aber nur einen Aspekt des Themas wieder. Die vorherigen Ausführungen belegen, dass das Thema im Übergangsbereich von Human- und Naturwissenschaften anzusiedeln ist. Das gleiche gilt für die Geographie. Aufgrund ihrer engen inhaltlichen und konzeptionellen Verzahnung bietet sich die Geographie an, die Frage nach den Vulkanbesuchern und ihren Gefahrenkognitionen zu bearbeiten. Das Thema kann innerhalb der Geographie nur übergreifend, d.h. sowohl aus physisch-geographischer als auch aus anthropogeographischer Sicht angegangen werden. Die Geographie beschäftigt sich mit dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, d. h. sie untersucht das "regionale Zusammenspiel" (GELLERT 1993: 185) zwischen den einzelnen Faktoren im "Mensch-Umwelt-System" (HAGGETT 1991: 45; vgl. auch WEICHHART 1975: 72 u. a.). Auch das Risiko spiegelt das wechselseitige Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt wider: Risiko ist vom Menschen gemacht und kein "Problem der Natur", sondern ein Problem in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt" (INGENSIEP/JAX 1988: 7). Die Thematik lässt sich daher nicht problemlos in einen wissenschaftlichen
Zweig einordnen. Sie muss vielmehr als interdisziplinärer Ansatz
verstanden und entsprechend eingeordnet werden. Daher bietet es sich an,
das Thema aus humanökologischer Perspektive zu betrachten, wie die
folgenden Ausführungen belegen werden.
Die Wahrnehmungsgeographie gilt als ein Forschungsansatz des humanökologischen Paradigmas. Sie hilft Klarheit darüber zu gewinnen, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt und wie er sich in ihr verhält. Wahrnehmungsgeographie erhebt die subjektspezifische Raumperspektive zum Untersuchungsobjekt. Sie beschreibt, analysiert und interpretiert die individualspezifischen Sichtweisen der Welt. Sie erörtert deren Regelhaftigkeiten, diskutiert raum- und gruppenspezifische Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Das heißt, welche Informationen er sich aus welchem Grund aus einem übergroßen Angebot herausfiltert, welches individuelle Bild er sich von seiner Umwelt zurechtlegt und wie er unter Zuhilfenahme seiner Kognitiven Karten sowie aufgrund seiner Intentionen, Lebensziele, Bedürfnisse, Zwänge etc. räumlich agiert, welche Vorurteile er sich zurechtlegt, wie er sich orientiert, welche Meinungen er über andere Länder und andere Menschen hat, wofür er besonders sensibel ist. DOWNS, 1970 beschreibt die Wahrnehmung als "...ein Konstrukt, das
in der Beziehung zwischen der realen Welt und Verhalten des Individuums
als intervenierende Variable angesehen wird." Die subjektive Wahrnehmung
der Umwelt ist demnach immer abhängig von den Verhaltensweisen des
Betrachters. Die Bedeutung der Verhaltensweisen heben auch COX/GOLLEDGE,
1969 hervor: "Der verhaltenswissenschaftliche Ansatz in der Geographie
stellt eine spezielle Betrachtungsweise dar. Der Forscher ist an den Prozessen,
die zu beobachtbaren Raumstrukturen führen, interessiert. Um die
räumlichen Strukturen zu erklären, muss man etwas von den zugrunde
liegenden Verhaltensweisen wissen, die zu einer räumlichen Verteilung
von Phänomenen führen". Daraus ergibt sich eine notwendige
genauere Untersuchung der menschlichen Tätigkeiten. Die Wahrnehmungsgeographie beschäftigt sich mit dem kognitiven Raumbezug des Individuums also mit der Raumwahrnehmung und der Raumbewertung. Sie beruht auf der Grundannahme, dass Wahrnehmung immer selektiv ist und in Abhängigkeit von persönlichen Bedürfnissen, Einstellungen und Werten auf unterschiedliche Weise gefiltert wird. Mit der Untersuchung des Wahrnehmungsprozesses soll das Verhalten verschiedener sozialer Gruppen im Raum erklärt werden. Denn Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse gehen dem eigentlichen raumwirksamen Verhalten des Menschen voraus, d.h. sie finden auf der kognitiven Ebene statt. Um zu erklären, wie eine Person den Vulkan mit seinen Gefahren wahrnimmt, beispielsweise als singuläre vulkanische Erscheinung oder auch als Berg, wie sie sie bewertet und welchen Einfluss diese Aspekte schließlich auf das Verhalten haben, müssen Verhaltens- und Wahrnehmungsgeographische Fragestellungen herangezogen werden.
Die Hazard-Forschung gilt als weiterer Forschungsansatz des humanökologischen Paradigmas und beschäftigt sich über den Ansatz der Wahrnehmungsgeographie mit den Interaktionen in der Mensch-Natur-Beziehung. Sie geht den Fragen nach, in welcher Weise von Hazards bedrohte Gebiete vom Menschen genutzt werden, welche Gegenmaßnahmen sich theoretisch einleiten lassen und wie Menschen die Gefahren wahrnehmen bzw. deren Risiko einschätzen. Für das Promotionsvorhaben ist von den drei Schulen der Hazard-Forschung, d.h. der "Desaster-Schule", die den Umgang des Menschen während oder mit einer bereits eingetretenen Naturkatastrophe zum Gegenstand hat, der "Vulnerabilitätsschule", welche die Rahmenbedingungen untersucht, die eine Gesellschaft für eine Naturkatastrophe anfällig machen, vor allem die "Chicagoer Schule" von Bedeutung. Diese wurde von White, Burton und Kates nach dem 2. Weltkrieg am Geographischen Institut der Universität Chicago aus unerwarteten Diskrepanzen zwischen Schäden und Schutzmaßnahmen, sowie menschlichen Verhaltensweisen in Überschwemmungs-, Dürre- und Erdbebengebieten entwickelt und fragt, wie Menschen mit der Bedrohung durch eine Naturgefahr umgehen. Die Wahrnehmung der Betroffenen und ihre Reaktionen stehen im Mittelpunkt der Analyse.
Die sogenannten "schönsten Tage des Jahres" sind ein wichtiger
Teil des Lebens. Die Bedeutung von Freizeit und Fremdenverkehr ist unbestritten
und der Tourismus ist ein wachsender Markt. Im Gegensatz zur Bedeutung
des Tourismus steht der noch nicht vollständig gelungene Einzug des
Themas Tourismus in der Wissenschaft. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg
entwickelte sich der Tourismus als Studienfach in den Fächern Geographie,
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Pädagogik. Die Begriffe
"Reiseverkehr", "Fremdenverkehr" und "Touristik"
beschreiben das Phänomen des Reisens und münden meistens in
dem international gängigeren Begriff "Tourismus". Die Tourismuswissenschaft
untersucht Faktoren, wie Zahl der Reisen, Reisedauer, Reisezeit, Reiseintensität,
Reiseausgaben, Transportmittel, Reiseart, Reiseorganisation, Unterkunft
und Reiseziele. Im Promotionsvorhaben ist der Tourismus bedeutendes Thema
wobei der deutschsprachige Tourist in Sizilien im Mittelpunkt der Betrachtung
steht. BRAUN (1993, S.199) definiert Reisemotive als "...die Gesamtheit der individuellen Beweggründe, die dem Reisen zugrunde liegen. Psychologisch gesehen handelt es sich um Bedürfnisse, Strebungen, Wünsche, Erwartungen, die Menschen veranlassen, eine Reise ins Auge zu fassen bzw. zu unternehmen. Wie andere Motive auch, sind sie individuell verschieden strukturiert und von der soziokulturellen Umgebung beeinflusst." Orientiert man sich an den Reiseanalysen (verschiedene Jahrgänge, nachfolgend Angaben der Reiseanalyse 1992), die der ehemalige Studienkreis für Tourismus in Starnberg (heute F.U.R. in Kiel) veröffentlicht hat, so kann man eine Vielzahl von Einzelmotiven erkennen: Entspannung/Erholung, Abwechslung/Erlebnis/Sport, Kontakte/Geselligkeit, Eindrücke/Entdeckung/Bildung und Natur erleben. Doch welche Reisemotive bewegen zu einer Vulkanreise? Die unzureichende wissenschaftliche Aufarbeitung der im Mittelpunkt stehenden Themen motiviert zu eigenen Untersuchungen. Nach KRAUß (1993: 90) stellen "die Theorien der Motivationspsychologie eine unverzichtbare Grundlage für jede sozialwissenschaftliche Tourismusforschung dar". Was bewegt Millionen von Menschen, sich auf einen aktiven Vulkan zu begeben? Ist es reales Bildungsinteresse im Bemühen um Verständnis der vulkanischen Prozesse? Ist es der Wunsch nach Abwechselung im Urlaubsalltag? Oder ist es möglicherweise vorgebliches Interesse um in einem geeigneten sozialen Kontext damit prahlen zu können? Welche Erwartungen stellen Reisende an eine Vulkantour? KRAUß stellt fest, dass "über die Befragung von reiselustigen Menschen nach ihren Reisemotiven hinaus, ... eine theoretische Grundlage bisher noch nicht versucht worden ist. Dies ist als eine der dringlichsten Aufgaben für die zukünftige Tourismusforschung zu fordern." Auch in der jüngsten Vergangenheit hat sich daran kaum etwas geändert und so besteht weiterhin Bedarf, die Motive und die Motivation der Vulkan Besucher eingehender zu beleuchten. Es soll daher versucht werden, für den Untersuchungsraum Sizilien die Lücken zu schließen. 2.3.2 Besucher-Typologie Kein Reisender ist wie der andere, aber bestimmte Eigenschaften sind vergleichbar, so dass man unter der Berücksichtigung der gleichen Merkmale die Urlauber einem Typ zuordnen kann. SCHRAND, 1993 definiert Urlaubertypologie und Urlaubertyp wie folgt: "Eine Urlaubertypologie teilt eine heterogene Urlauberpopulation nach spezifischen Kriterien der psychosozialen Differenzierung in verschiedene, relativ in sich homogene Gruppen von Urlaubern ein. Ein Urlaubertyp ist innerhalb einer Urlaubertypologie ein empirisch gewonnenes idealtypisches Konstrukt einer Anzahl von Urlaubern mit ähnlichen Reisemotiven, Urlaubsverhaltensweisen und Urlaubsformen. Bei der Konstruktion der Vulkan-Besucher-Typologie soll auf zwei Verfahrensweisen zurückgegriffen werden. Zunächst werden durch mathematisch-statistische Methoden, aus Datensätzen der Besucher-Befragung, Gruppen gebildet die durch Ergebnisse aus der qualitativen Sozialforschung gestützt werden. Praktische Relevanz ergibt sich hierbei aus der Möglichkeit zur Entwicklung zielgruppenorientierter Reiseangebote. 2.3.3 Besucher Aktivitäten und Besucher-Verhalten Im Fremdenverkehr wird nach dem Studienkreis für Tourismus in Starnberg
(heute F.U.R. in Kiel), das Verhalten von Touristen in regenerativ-passive
Beschäftigungen (wie Ausruhen, viel schlafen, Sonnenbaden, am Strand
oder auf der Liegewiese liegen
), in regenerativ-aktive Beschäftigungen
(Spazieren, Waldspaziergänge, Besichtigungen, Angeln, Pilze pflücken
und Beeren sammeln...), in sportliche Betätigungen (Rad fahren, Schwimmen,
Baden, Wandern, Bergsteigen und Bergwandern, Tennis, Golf, Skisport, Segeln,
Surfen, Tauchen...), in gesellig-kommunikative Beschäftigungen (Urlaubsbekanntschaften
machen, Gespräche, Kinderspiele, Tanzen, Feiern, Karten spielen,
Teilnahme an Animationen, ...), in Eigeninteresse (Lesen, Karten und Briefe
schreiben, Fernsehen, Kinobesuche, Filmen und Fotografieren, Hobbies ausüben...)
und sonstige Aktivitäten (Gastronomiebesuche, Shopping und Schaufensterbummel,
Museumsbesuche ...) unterschieden.
Die Arbeit verlangt insbesondere in Bezug auf die Fragestellung der Gefahrenkognitionen,
die Berücksichtigung von Elementen der Psychologie. Das Verhalten gegenüber Gefahren denen Vulkan-Besucher begegnen
können, basiert auf alltagsweltlicher, intuitiver Wahrnehmung und
Bewertung von Gefahren. Die Einschätzung der Gefährdung durch
die potentiell Betroffenen ist subjektiv und mitunter irrational. Denn
die aus menschlichen Wahrnehmungsprozessen hervorgehenden Maßnahmen
unterliegen einer begrenzten Rationalität, "...aufgrund derer
der Mensch sich auch mit suboptimalen Lösungen begnügt, weil
er weder alle notwendigen Informationen besitzt um optimale Lösungen
zu erreichen, noch diese ordnen, bewerten und verarbeiten könnte,
selbst wenn er über diese allseitigen Informationen verfügte"
(GEIPEL 1979: 166). Untersucht werden sollen daher die verschiedenen Einflussgrößen
der Wahrnehmung und Bewertung von Gefahren am Vulkan durch Touristen,
z.B. der Kenntnisstand über die potentiellen primären und sekundären
Naturgefahren, das Verständnis der vulkanischen Prozesse, Wahrnehmung
des Vulkans, persönliches Gefahrenbewusstsein mitsamt eigenen Sicherheitsvorkehrungen,
Erfahrung im (Vulkan)-Bergwandern sowie das Wissen, Haltung und Akzeptanz
zu Sicherheitsvorkehrungen im Untersuchungsraum sowie die Bewertung der
Informationspolitik. 3. ZIELSETZUNG UND ERKENNTNISINTERESSE Die Arbeit möchte einen Überblick über den Stand des Tourismus
in der Region Siziliens geben und aktuelle Entwicklungen und Trends aufzeigen.
Der Focus liegt hierbei auf dem Vulkan-Tourismus an Ätna und Stromboli,
da dieser eine bedeutende Komponente des Sizilien Tourismus ist. Seine
Fremdenverkehrsgeographische Bedeutung ist an den konkreten Raumbeispielen
herauszustellen. Auch zukünftige Entwicklungspotenziale des Vulkan-Tourismus
auf Sizilien sind zu diskutieren, die sich im Spannungsfeld zwischen dem
schwierigen Erbe einer strukturschwachen Region und den Hoffnungen, die
sich mit der Attraktivität des Raumes für Touristen und Unternehmen
der Tourismusindustrie verbinden, befinden. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen deutschsprachige Individual- und
Pauschaltouristen. Das primäre Erkenntnisinteresse besteht darin,
die Beziehung deutschsprachiger Reisender zur Region Sizilien mitsamt
dessen Vulkanen zu untersuchen. Das Wirkungsgefüge und Verhältnis
zwischen Reisenden und den aktiven Vulkanen Ätna und Stromboli in
der Region Sizilien ist aufzuarbeiten. Arbeiten zu diesem Thema liegen
bisher nicht vor. Es ist als problematisch anzumerken, dass einerseits die Wahrnehmung
und Bewertung von vulkanischen Gefahren durch die Touristen geprägt
wird, während andererseits die Experten der öffentlichen Behörden
für das Management der Gefahren zuständig sind. Gerade durch die Darlegung der Reisemotive, des Urlauberverhaltens und
der Wahrnehmung der deutschsprachigen Reisenden, die als größte
Besuchergruppe im sizilianischen Tourismus einen hohen Stellenwert haben,
können Hinweise für tourismuspolitische Veränderungen gewonnen
werden. Insbesondere kann der Bereich Tourismusmarketing von den Ergebnissen
profitieren und durch neue Konzepte einen optimierten Fremdenverkehr fördern. |