1. THEMA UND PROBLEMSTELLUNG

Vulkaneruptionen sind spektakuläre Naturereignisse. Nicht nur für Wissenschaftler sondern auch für Touristen. Das Reisen zu Vulkangebieten ist auf der ganzen Welt verbreitet und der Tourismus in diesen Regionen ist ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden. Im Zuge des Naturtourismus finden Vulkanbesteigungen und Eruptionsbeschauungen großen Anklang und veranlassen jährlich Millionen von Touristen, die Vulkane unserer Erde zu besuchen und zu bestaunen. Daueraktive und vorwiegend effusiv eruptierende Vulkane garantieren Touristen mit ihren nahezu immerwährenden Lavaströmen, Lavafontänen und Gasaustritten imposante Einblicke in die geologischen Vorgänge unserer Erde. Folglich hat sich in vielen Vulkanregionen eine ausgeprägte Fremdenverkehrsindustrie mit entsprechender wirtschaftlicher Bedeutung entwickeln können, wenngleich diese Form des Tourismus in Standardwerken der Fremdenverkehrsgeographie noch nicht beleuchtet wurde. Infolgedessen ist bisher über die verschiedenen Besucher-Typen, deren Reisemotive, ihr Besucherverhalten und ihre Wahrnehmung noch nichts bekannt.

Im Mittelmeerraum, befinden sich in kurzer Flugdistanz mit dem Ätna und dem Stromboli zwei der aktivsten Vulkane unserer Erde. Beide sind stark vom Fremdenverkehr geprägt und infrastrukturell gut erschlossen. Insbesondere deutschsprachige Besucher nutzen während Ihres Sizilien Urlaubs die Möglichkeit zumindest einen der beiden Vulkane zu besuchen. Billigflieger nach Catania und Palermo begünstigen einen Besuch der Vulkane gegenwärtig.
Die Zahl der Vulkanreisen hat in den letzten Jahren im Rahmen des Naturtourismus zugenommen. Einige kleinere Spezial-Reiseveranstalter konnten sich erfolgreich im Markt etablieren. Auch bei den marktführenden Anbietern sind Vulkanreisen nach Sizilien und Vulkan-Exkursionen zu Ätna und Stromboli im Programm fest verankert. Ob Tagesausflug, Trekkingtour oder Bildungsreise - der Besuch von aktiven Vulkanen ist dadurch für jeden möglich.

Damit geht gleichzeitig eine aus den Alpen bereits bekannte Problematik einher.
Besucher mit unzureichender Vorbereitung im Hinblick auf Kleidung, Verpflegung oder Ausrüstung, einhergehend mit Selbstüberschätzung bei den Bergtouren, treten auch an Vulkanen auf. Zumal sich ein Vulkan den Besuchern oft als nicht allzu hohe, singuläre Erscheinung zeigt, die mit Hitze und Feuer assoziiert wird und die sich in einem mediterranen Klimaraum befindet.
Wie die Besucher den Vulkan wahrnehmen, ist entscheidend für ihr Verhalten.
Urlauber unterschätzen nicht selten die Gefahren und die Strapazen des Aufstiegs auf einen Vulkan. Immer wieder werden Besucher beobachtet, die ohne einen Führer, wie auf einem Spaziergang mit Sommerbekleidung, den Vulkan bis zu den Gipfelkratern erklimmen.
Hinterfragt werden muss, ob und wenn dann welche Besucher-Typen zu welchen Anteilen, aus welchen Gründen die Bergtour unvorbereitet und mit unzureichender Ausrüstung ausführen und ob sie sich der Gefahren bewusst sind. Werden bei einem Vulkan-Besuch die Bergefahren unterschätzt während vulkanische Gefahren überschätzt werden? Verfügen Pauschaltouristen über einen geringeren Kenntnisstand zum Vulkan und seinen Gefahren als Individualtouristen? Zeigen dagegen Individualtouristen mehr Verhaltensweisen mit Gefahrencharakter als Pauschaltouristen?
Zu erfragen gilt auch, was die bestimmten Besuchertypen eigentlich über den Vulkan wissen.
Sind die Besucher in der Kenntnis, dass es sich um einen aktiven Vulkan handelt und wie hoch ist der Anteil der Besucher, die sich vor Reiseantritt über seine Aktivität erkundigt hat? Wie groß ist der Anteil der Besucher die Kenntnis von der Beschränkung der Wanderhöhe haben? Wissen die Besucher welche Gipfelkrater aktiv sind und daher nicht besucht werden sollten?

Schließlich bestehen an einem Vulkan für Besucher über die vulkanische Gefahren wie Verbrennungen, Vergiftungen oder von einer sich stärkerer als gewöhnlich ereignenden Eruption überrascht zu werden auch permanent gegebene Berggefahren wie Wetterumschwung, Blitzeinschlag oder Absturzgefahr.

Es wird vermutet, dass die Vorstellungen von einem Vulkan von zahlreichen Stereotypen bestimmt werden. Untersuchungen zu diesem Thema liegen aber nicht vor und eine Darstellung des Images Siziliens ist bislang noch nicht erfolgt.
Die Gefahrenkognitionen der Touristen sollen in Bezug auf das verschiedenartige Gefahrenpotential geprüft werden. Beleuchtet wird, ob Besucher mögliche Gefahren ausschließlich mit Eruptionen in Verbindung bringen und ob das Wissen um die ständige Überwachung des Vulkans die Vorstellung einer Kontrollierbarkeit erzeugt und somit das Gefühl völliger Sicherheit verleiht. Ferner soll geklärt werden, ob es eine individuelle Risikoakzeptanz gibt oder ob die ausdrücklich und ausschließlich unter bestimmten sozialen Konditionen nachweisbar ist. Desweiteren, ob das wiederholte erfolgreiche meistern gefährlicher Situationen am Vulkan zu einer Kontrollillusion führt. Aus den Ergebnissen sind Rückschlüsse auf ein Bewusstsein für vulkanische Gefahren zu ziehen und Erklärungsansätze für mögliches Risikoverhalten zu finden, um auf Basis dessen weiterführende Sicherheitsmaßnahmen aufzuzeigen zu können.


2. DER THEORIERAHMEN: DAS HUMANÖKOLOGISCHE PARADIGMA

Aufgrund der Annahme, dass sich der Vulkantourismus mit "Vulkanen" beschäftigt, gilt die Geologie als relevante Disziplin. Diese gibt aber nur einen Aspekt des Themas wieder.
Vulkan-Besuche sind Tätigkeiten von Menschen, die von gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Von daher müssen zusätzlich zu den natur- auch humanwissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden. Für eine angemessene Behandlung des Themas ist es daher sinnvoll, die Studien inter- und transdisziplinär anzulegen. Allerdings sind solche Ansätze bisher rar, obwohl ein Blick in die Literatur zeigt, dass unzählige Arbeiten innerhalb der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen existieren.
Vulkantourismus bildet somit nicht nur ein naturwissenschaftliches, sondern auch ein humanwissenschaftliches Problem. Dieser Aspekt wird in der Literatur nicht thematisiert. Die vorliegende Arbeit will diese Lücke schließen.

Die vorherigen Ausführungen belegen, dass das Thema im Übergangsbereich von Human- und Naturwissenschaften anzusiedeln ist. Das gleiche gilt für die Geographie. Aufgrund ihrer engen inhaltlichen und konzeptionellen Verzahnung bietet sich die Geographie an, die Frage nach den Vulkanbesuchern und ihren Gefahrenkognitionen zu bearbeiten. Das Thema kann innerhalb der Geographie nur übergreifend, d.h. sowohl aus physisch-geographischer als auch aus anthropogeographischer Sicht angegangen werden.

Die Geographie beschäftigt sich mit dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, d. h. sie untersucht das "regionale Zusammenspiel" (GELLERT 1993: 185) zwischen den einzelnen Faktoren im "Mensch-Umwelt-System" (HAGGETT 1991: 45; vgl. auch WEICHHART 1975: 72 u. a.). Auch das Risiko spiegelt das wechselseitige Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt wider: Risiko ist vom Menschen gemacht und kein "Problem der Natur", sondern ein Problem in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt" (INGENSIEP/JAX 1988: 7).

Die Thematik lässt sich daher nicht problemlos in einen wissenschaftlichen Zweig einordnen. Sie muss vielmehr als interdisziplinärer Ansatz verstanden und entsprechend eingeordnet werden. Daher bietet es sich an, das Thema aus humanökologischer Perspektive zu betrachten, wie die folgenden Ausführungen belegen werden.
Wie bereits aufgeführt, ist das Thema sowohl auf human- als auch auf naturwissenschaftliche Forschungen angewiesen. Es kann somit innerhalb der Geographie keiner der üblichen Teilgebiete zugeordnet werden, denn im Fach kommt der Dualismus Mensch/Natur zum Tragen, der sich in der Trennung zwischen Anthropo- und Physischer Geographie widerspiegelt (vgl. GEIGER 1994: 5f.). Er ist der fachspezifische Ausdruck des allgemeinen Auseinanderdriftens zwischen den Human- und den Naturwissenschaften. Die Kontraststellung von Mensch und Natur ist jedoch "eine neuzeitliche Erfindung der Industrienationen christlicher Prägung" (PLACHTER 1995: 199), d.h. sie ist eine rein gedankliche Gegenüberstellung (BLOTEVOGEL 1997: 65f.). Somit ist auch die Trennung von Human- und Naturwissenschaften nur eine künstlich aufgebaute Grenze zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen. Es gilt, dieses "Kunstprodukt einer wissenschaftlichen Fehlentwicklung" (ELIAS in: SCHUBERT 1989: 129) abzubauen.
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse hat sich Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre in Deutschland der integrative Ansatz der "Humanökologie" als Mittler zwischen den Natur- und Humanwissenschaften herausgebildet. "Die Humanökologie ist eine Synthesewissenschaft: In der Verkopplung von Natur- und Menschenwissenschaften als Handlungswissenschaft versucht sie, praktische Beiträge zur Lösung der Umweltproblematik zu leisten" (SCHUBERT 1989: 139; vgl. auch GLAESER 1989c: 28f.). In der Humanökologie werden integrative, anthropozentrische, interdisziplinäre und anwendungsorientierte Grundlagenforschung der Beziehungsmuster zwischen Mensch und Umwelt betrieben und Lösungsvorschläge für die zunehmenden Krisen des komplexen Systems Mensch/Umwelt ausgearbeitet (WEICHHART 1987: 22). Dabei "produziert (sie) kein 'Rezeptwissen' zur Lösung extern vorgegebener Probleme (...), sondern strebt 'Orientierungswissen' an. Sie versucht damit, einen Beitrag zum Sehen und Deuten der Welt, in der wir leben, zu leisten, um den Einzelnen und die Gesellschaft zu befähigen, selbstverantwortlich zu handeln" (BLOTEVOGEL 1997: 68).
Die Humanökologie stellt einen eigenständigen integrativen Ansatz dar (vgl. GLAESER 1989a; GLAESER/TEHERANI-KRÖNNER 1992), der seine Grundlagen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen herauszieht und bündelt. Aufgrund ihrer konzeptionellen Nähe spielt die Humanökologie auch innerhalb des Faches Geographie eine zunehmende Rolle (vgl. EISEL 1992; BLOTEVOGEL 1997: 65-79). Qualitative wie quantitative Zugänge sind dabei gleich legitim bzw. im Mixing zu bevorzugen.


2.1 Die Wahrnehmungsgeographie

Die Wahrnehmungsgeographie gilt als ein Forschungsansatz des humanökologischen Paradigmas. Sie hilft Klarheit darüber zu gewinnen, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt und wie er sich in ihr verhält. Wahrnehmungsgeographie erhebt die subjektspezifische Raumperspektive zum Untersuchungsobjekt. Sie beschreibt, analysiert und interpretiert die individualspezifischen Sichtweisen der Welt. Sie erörtert deren Regelhaftigkeiten, diskutiert raum- und gruppenspezifische Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Das heißt, welche Informationen er sich aus welchem Grund aus einem übergroßen Angebot herausfiltert, welches individuelle Bild er sich von seiner Umwelt zurechtlegt und wie er unter Zuhilfenahme seiner Kognitiven Karten sowie aufgrund seiner Intentionen, Lebensziele, Bedürfnisse, Zwänge etc. räumlich agiert, welche Vorurteile er sich zurechtlegt, wie er sich orientiert, welche Meinungen er über andere Länder und andere Menschen hat, wofür er besonders sensibel ist.

DOWNS, 1970 beschreibt die Wahrnehmung als "...ein Konstrukt, das in der Beziehung zwischen der realen Welt und Verhalten des Individuums als intervenierende Variable angesehen wird." Die subjektive Wahrnehmung der Umwelt ist demnach immer abhängig von den Verhaltensweisen des Betrachters. Die Bedeutung der Verhaltensweisen heben auch COX/GOLLEDGE, 1969 hervor: "Der verhaltenswissenschaftliche Ansatz in der Geographie stellt eine spezielle Betrachtungsweise dar. Der Forscher ist an den Prozessen, die zu beobachtbaren Raumstrukturen führen, interessiert. Um die räumlichen Strukturen zu erklären, muss man etwas von den zugrunde liegenden Verhaltensweisen wissen, die zu einer räumlichen Verteilung von Phänomenen führen". Daraus ergibt sich eine notwendige genauere Untersuchung der menschlichen Tätigkeiten.

Es wird nicht mehr von der objektiven Wirklichkeit des Raumes ausgegangen, sondern vielmehr ist es interessant zu erforschen, wie der Mensch seine Umwelt subjektiv wahrnimmt. WERLEN, 2000 formuliert daraus eine Basisprämisse: "Die Umwelt wird nur in der Form verhaltensrelevant, wie sie von den einzelnen Individuen wahrgenommen wird". Die Wahrnehmung der Individuen umfasst nicht nur die Aufnahme der visuellen Reize, sondern u.a. auch die Aufnahme von Geräuschen und Gerüchen. Der Wahrnehmungsprozess wird dem Begriff "Kognition" gleichgesetzt. Unter "Kognition" versteht man den Prozess der Verarbeitung von Erfahrungen im Bereich des Denkens und Bewusstseins.

Die Wahrnehmungsgeographie beschäftigt sich mit dem kognitiven Raumbezug des Individuums also mit der Raumwahrnehmung und der Raumbewertung. Sie beruht auf der Grundannahme, dass Wahrnehmung immer selektiv ist und in Abhängigkeit von persönlichen Bedürfnissen, Einstellungen und Werten auf unterschiedliche Weise gefiltert wird. Mit der Untersuchung des Wahrnehmungsprozesses soll das Verhalten verschiedener sozialer Gruppen im Raum erklärt werden. Denn Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse gehen dem eigentlichen raumwirksamen Verhalten des Menschen voraus, d.h. sie finden auf der kognitiven Ebene statt. Um zu erklären, wie eine Person den Vulkan mit seinen Gefahren wahrnimmt, beispielsweise als singuläre vulkanische Erscheinung oder auch als Berg, wie sie sie bewertet und welchen Einfluss diese Aspekte schließlich auf das Verhalten haben, müssen Verhaltens- und Wahrnehmungsgeographische Fragestellungen herangezogen werden.


2.2 Die geographische Hazard-Forschung

Die Hazard-Forschung gilt als weiterer Forschungsansatz des humanökologischen Paradigmas und beschäftigt sich über den Ansatz der Wahrnehmungsgeographie mit den Interaktionen in der Mensch-Natur-Beziehung. Sie geht den Fragen nach, in welcher Weise von Hazards bedrohte Gebiete vom Menschen genutzt werden, welche Gegenmaßnahmen sich theoretisch einleiten lassen und wie Menschen die Gefahren wahrnehmen bzw. deren Risiko einschätzen. Für das Promotionsvorhaben ist von den drei Schulen der Hazard-Forschung, d.h. der "Desaster-Schule", die den Umgang des Menschen während oder mit einer bereits eingetretenen Naturkatastrophe zum Gegenstand hat, der "Vulnerabilitätsschule", welche die Rahmenbedingungen untersucht, die eine Gesellschaft für eine Naturkatastrophe anfällig machen, vor allem die "Chicagoer Schule" von Bedeutung. Diese wurde von White, Burton und Kates nach dem 2. Weltkrieg am Geographischen Institut der Universität Chicago aus unerwarteten Diskrepanzen zwischen Schäden und Schutzmaßnahmen, sowie menschlichen Verhaltensweisen in Überschwemmungs-, Dürre- und Erdbebengebieten entwickelt und fragt, wie Menschen mit der Bedrohung durch eine Naturgefahr umgehen. Die Wahrnehmung der Betroffenen und ihre Reaktionen stehen im Mittelpunkt der Analyse.


2.3 Die Fremdenverkehrsgeographie

Die sogenannten "schönsten Tage des Jahres" sind ein wichtiger Teil des Lebens. Die Bedeutung von Freizeit und Fremdenverkehr ist unbestritten und der Tourismus ist ein wachsender Markt. Im Gegensatz zur Bedeutung des Tourismus steht der noch nicht vollständig gelungene Einzug des Themas Tourismus in der Wissenschaft. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Tourismus als Studienfach in den Fächern Geographie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Pädagogik. Die Begriffe "Reiseverkehr", "Fremdenverkehr" und "Touristik" beschreiben das Phänomen des Reisens und münden meistens in dem international gängigeren Begriff "Tourismus". Die Tourismuswissenschaft untersucht Faktoren, wie Zahl der Reisen, Reisedauer, Reisezeit, Reiseintensität, Reiseausgaben, Transportmittel, Reiseart, Reiseorganisation, Unterkunft und Reiseziele. Im Promotionsvorhaben ist der Tourismus bedeutendes Thema wobei der deutschsprachige Tourist in Sizilien im Mittelpunkt der Betrachtung steht.
Mit Hilfe empirischer Untersuchungen sollen neben allgemeinen, auch gezielt verwertbare Angaben zu den Schwerpunktthemen Reisemotive, Besucher-Typen und Besucher-Verhalten bzw. Besucher-Aktivitäten erhoben werden. Basierend auf den Ergebnissen soll die Arbeit neue Konzepte für Veranstalter, involviert im Vulkan-Tourismus, liefern.
2.3.1 Reisemotive

BRAUN (1993, S.199) definiert Reisemotive als "...die Gesamtheit der individuellen Beweggründe, die dem Reisen zugrunde liegen. Psychologisch gesehen handelt es sich um Bedürfnisse, Strebungen, Wünsche, Erwartungen, die Menschen veranlassen, eine Reise ins Auge zu fassen bzw. zu unternehmen. Wie andere Motive auch, sind sie individuell verschieden strukturiert und von der soziokulturellen Umgebung beeinflusst." Orientiert man sich an den Reiseanalysen (verschiedene Jahrgänge, nachfolgend Angaben der Reiseanalyse 1992), die der ehemalige Studienkreis für Tourismus in Starnberg (heute F.U.R. in Kiel) veröffentlicht hat, so kann man eine Vielzahl von Einzelmotiven erkennen: Entspannung/Erholung, Abwechslung/Erlebnis/Sport, Kontakte/Geselligkeit, Eindrücke/Entdeckung/Bildung und Natur erleben.

Doch welche Reisemotive bewegen zu einer Vulkanreise? Die unzureichende wissenschaftliche Aufarbeitung der im Mittelpunkt stehenden Themen motiviert zu eigenen Untersuchungen. Nach KRAUß (1993: 90) stellen "die Theorien der Motivationspsychologie eine unverzichtbare Grundlage für jede sozialwissenschaftliche Tourismusforschung dar". Was bewegt Millionen von Menschen, sich auf einen aktiven Vulkan zu begeben? Ist es reales Bildungsinteresse im Bemühen um Verständnis der vulkanischen Prozesse? Ist es der Wunsch nach Abwechselung im Urlaubsalltag? Oder ist es möglicherweise vorgebliches Interesse um in einem geeigneten sozialen Kontext damit prahlen zu können? Welche Erwartungen stellen Reisende an eine Vulkantour? KRAUß stellt fest, dass "über die Befragung von reiselustigen Menschen nach ihren Reisemotiven hinaus, ... eine theoretische Grundlage bisher noch nicht versucht worden ist. Dies ist als eine der dringlichsten Aufgaben für die zukünftige Tourismusforschung zu fordern." Auch in der jüngsten Vergangenheit hat sich daran kaum etwas geändert und so besteht weiterhin Bedarf, die Motive und die Motivation der Vulkan Besucher eingehender zu beleuchten. Es soll daher versucht werden, für den Untersuchungsraum Sizilien die Lücken zu schließen.

2.3.2 Besucher-Typologie

Kein Reisender ist wie der andere, aber bestimmte Eigenschaften sind vergleichbar, so dass man unter der Berücksichtigung der gleichen Merkmale die Urlauber einem Typ zuordnen kann. SCHRAND, 1993 definiert Urlaubertypologie und Urlaubertyp wie folgt: "Eine Urlaubertypologie teilt eine heterogene Urlauberpopulation nach spezifischen Kriterien der psychosozialen Differenzierung in verschiedene, relativ in sich homogene Gruppen von Urlaubern ein. Ein Urlaubertyp ist innerhalb einer Urlaubertypologie ein empirisch gewonnenes idealtypisches Konstrukt einer Anzahl von Urlaubern mit ähnlichen Reisemotiven, Urlaubsverhaltensweisen und Urlaubsformen. Bei der Konstruktion der Vulkan-Besucher-Typologie soll auf zwei Verfahrensweisen zurückgegriffen werden. Zunächst werden durch mathematisch-statistische Methoden, aus Datensätzen der Besucher-Befragung, Gruppen gebildet die durch Ergebnisse aus der qualitativen Sozialforschung gestützt werden. Praktische Relevanz ergibt sich hierbei aus der Möglichkeit zur Entwicklung zielgruppenorientierter Reiseangebote.

2.3.3 Besucher Aktivitäten und Besucher-Verhalten

Im Fremdenverkehr wird nach dem Studienkreis für Tourismus in Starnberg (heute F.U.R. in Kiel), das Verhalten von Touristen in regenerativ-passive Beschäftigungen (wie Ausruhen, viel schlafen, Sonnenbaden, am Strand oder auf der Liegewiese liegen…), in regenerativ-aktive Beschäftigungen (Spazieren, Waldspaziergänge, Besichtigungen, Angeln, Pilze pflücken und Beeren sammeln...), in sportliche Betätigungen (Rad fahren, Schwimmen, Baden, Wandern, Bergsteigen und Bergwandern, Tennis, Golf, Skisport, Segeln, Surfen, Tauchen...), in gesellig-kommunikative Beschäftigungen (Urlaubsbekanntschaften machen, Gespräche, Kinderspiele, Tanzen, Feiern, Karten spielen, Teilnahme an Animationen, ...), in Eigeninteresse (Lesen, Karten und Briefe schreiben, Fernsehen, Kinobesuche, Filmen und Fotografieren, Hobbies ausüben...) und sonstige Aktivitäten (Gastronomiebesuche, Shopping und Schaufensterbummel, Museumsbesuche ...) unterschieden.
Diesen verschiedenen Kategorien können zahlreiche Aktivitäten zugeordnet werden, die individuell eine unterschiedliche Bedeutung haben und mit einer unterschiedlichen körperlichen und zeitlichen Intensität betrieben werden.
Im Rahmen des Naturtourismus (nature-based tourism) bietet die Natur eine Kulisse für eine Vielzahl touristischer Aktivitäten am Vulkan. Naturtourismus wird in der Literatur entweder als Synonym oder als Abgrenzung zum Ökotourismus benutzt. Die Kriterien der Verträglichkeit müssen aber beim Naturtourismus nicht erfüllt sein. Naturtourismus wird definiert als: "eine Form des Reisens in naturnahe Gebiete, die eine Vielzahl verschiedener Aktivitäten umfassen kann, welche in irgendeiner Weise die natürlichen Ressourcen dieses Gebietes nutzen." (ARBEITSGRUPPE ÖKOTOURISMUS 1995: 38).
In erster Linie bieten sich am Vulkan sportliche Betätigungen wie Wandern und Trekking an. Besucher können an geführten Aufstiegen zum Krater teilnehmen oder eigenständig Wanderungen durch Asche- und Schlackefelder unternehmen. Weitere Natursportarten wie Mountainbiking und Klettern sind möglich. Aktivitäten aus Eigeninteresse haben ebenso Bedeutung. Geologisch und im Speziellen vulkanologisch interessierte Besucher können erloschene, ruhende und aktive Krater erforschen, Gas- und Dampfaustritte untersuchen und vulkanische Gesteine sammeln. Auch regenerativ-aktive Beschäftigungen kann mit dem Sammeln und Betrachten von seltenen Pflanzen nachgegangen werden. Besucher können sich auch mit sonstigen Beschäftigungen wie mit der Beobachtung des Geschehens und Verzehr im Restaurant begnügen.
Die Möglichkeiten der Touristen an einem aktiven Vulkan sind vielfältig. Diese sind genauer zu erfragen und in Bezug zu der zuvor entwickelten Besucher-Typologie zu setzen. Dies ist weiteres Ziel der Arbeit.


2.3.4 Kognitionspsychologie

Die Arbeit verlangt insbesondere in Bezug auf die Fragestellung der Gefahrenkognitionen, die Berücksichtigung von Elementen der Psychologie.
Der Tourismus ist auf ein gutes Image angewiesen. Imageschäden haben weitreichende ökonomische Konsequenzen. Ein Faktor, der das Image beeinflusst, ist die Sicherheit. Sicherheit und Unsicherheit finden in unseren Köpfen statt. Es gibt kein sicheres Auto so wie es auch kein unsicheres Auto gibt. Gefahr oder Gefährdung entsteht aus der Interaktion von Mensch und Bedingung. Sicher oder unsicher wird ein Auto nur aus der Interaktion. In dem Sinne gibt es auch keinen gefährlichen Vulkan. Gefährdung bezeichnet also eine Interaktion von Mensch und Gegenstand, bei der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Energie übertragen werden kann.
Der Begriff der Gefahrenkognition umfasst sowohl die Wahrnehmung der Gefahr als auch die Abschätzung der Folgen einer Gefährdung. Mit dem Begriff der Gefahrenkognitionen ist ein kognitives Abbild von Gefahren beschrieben. Theoretische Grundlagen der Urteilsbildung über gefährliche Situationen entstammen den Prinzipien der kognitiven Ordnungsstiftung und sind Thema der Kognitionspsychologie.
Ereignisse jeglicher Art werden nach Maßgabe eines intuitiv genutzten Regelwerkes klassifiziert. Für diese Abschätzung greifen Menschen auf Heuristiken zurück. Diese Heuristiken wirken bei der subjektiven Repräsentation von Ereignissen mit. Dies sind Suchstrategien, die im Unterschied zu einem mathematischen Algorithmus fehlerhaft und unsystematisch sind, was zu unterschiedlichen Effekten beiträgt.

Das Verhalten gegenüber Gefahren denen Vulkan-Besucher begegnen können, basiert auf alltagsweltlicher, intuitiver Wahrnehmung und Bewertung von Gefahren. Die Einschätzung der Gefährdung durch die potentiell Betroffenen ist subjektiv und mitunter irrational. Denn die aus menschlichen Wahrnehmungsprozessen hervorgehenden Maßnahmen unterliegen einer begrenzten Rationalität, "...aufgrund derer der Mensch sich auch mit suboptimalen Lösungen begnügt, weil er weder alle notwendigen Informationen besitzt um optimale Lösungen zu erreichen, noch diese ordnen, bewerten und verarbeiten könnte, selbst wenn er über diese allseitigen Informationen verfügte" (GEIPEL 1979: 166).

Differenzen in der Gefahrenwahrnehmung und -bewertung können zurückgeführt werden auf die Kombination verschiedener Faktoren. Zu diesen zählt die Charakteristika der Gefahrenquelle. Bei der Risikowahrnehmung und -bewertung stützen sich "Laien" u.a. auf die Eintrittswahrscheinlichkeit und das mögliche Schadenausmaß eines Ereignisses.
Allerdings sind nicht nur die Eigenschaften der Risikoquelle für Laien relevant, sondern auch interindividuelle Unterschiede führen zu unterschiedlichen Gefahreneinschätzungen. Individuelle Erfahrungen (in Abhängigkeit der Faktoren "Zeit" und "Häufigkeit"), wie auch die Weltanschauung und Wertvorstellungen, finanzielle Interessen sowie der ethnisch-kulturelle und sozio-ökonomische Hintergrund, wie auch persönliche Variablen (Alter, Geschlecht, wissenschaftliche Ausbildung, Kompetenz, Erfahrung, etc.) beeinflussen die Wahrnehmung. Weiterhin sind die Eigenschaften der Gesundheitsbedrohung und soziale Vergleichsprozesse bedeutend. Eine Gefahr wird je nach Person oder Institution anders wahrgenommen, analysiert und beurteilt. Sie wird gedanklich von jedem einzelnen konstruiert, emotional mitgeprägt und bewertet, wobei viele Kriterien jeweils individuell hinzugezogen und gewichtet werden.

Untersucht werden sollen daher die verschiedenen Einflussgrößen der Wahrnehmung und Bewertung von Gefahren am Vulkan durch Touristen, z.B. der Kenntnisstand über die potentiellen primären und sekundären Naturgefahren, das Verständnis der vulkanischen Prozesse, Wahrnehmung des Vulkans, persönliches Gefahrenbewusstsein mitsamt eigenen Sicherheitsvorkehrungen, Erfahrung im (Vulkan)-Bergwandern sowie das Wissen, Haltung und Akzeptanz zu Sicherheitsvorkehrungen im Untersuchungsraum sowie die Bewertung der Informationspolitik.
Die individuelle Einschätzung der Gefahren hat schließlich Konsequenzen für ergriffene Schutzmaßnahmen, d.h. für die Wahl der risikopolitischen Mittel. Um effektive Strategien zur Aufklärung über Gefahren und mögliche Schutzmaßnahmen entwickeln zu können, müssen intuitive Risikowahrnehmung und -bewertung sowie die Einflüsse darauf bekannt sein.

3. ZIELSETZUNG UND ERKENNTNISINTERESSE

Die Arbeit möchte einen Überblick über den Stand des Tourismus in der Region Siziliens geben und aktuelle Entwicklungen und Trends aufzeigen. Der Focus liegt hierbei auf dem Vulkan-Tourismus an Ätna und Stromboli, da dieser eine bedeutende Komponente des Sizilien Tourismus ist. Seine Fremdenverkehrsgeographische Bedeutung ist an den konkreten Raumbeispielen herauszustellen. Auch zukünftige Entwicklungspotenziale des Vulkan-Tourismus auf Sizilien sind zu diskutieren, die sich im Spannungsfeld zwischen dem schwierigen Erbe einer strukturschwachen Region und den Hoffnungen, die sich mit der Attraktivität des Raumes für Touristen und Unternehmen der Tourismusindustrie verbinden, befinden.
Dabei soll auch ein Blick auf seine weltweite Ausprägung gerichtet werden, wobei räumlich-nationale Unterschiede herauszustellen sind. Demgemäss ist es erforderlich den "Vulkantourismus" als naturtouristische Reiseform näher zu charakterisieren.

Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen deutschsprachige Individual- und Pauschaltouristen. Das primäre Erkenntnisinteresse besteht darin, die Beziehung deutschsprachiger Reisender zur Region Sizilien mitsamt dessen Vulkanen zu untersuchen. Das Wirkungsgefüge und Verhältnis zwischen Reisenden und den aktiven Vulkanen Ätna und Stromboli in der Region Sizilien ist aufzuarbeiten. Arbeiten zu diesem Thema liegen bisher nicht vor.
Im Interesse steht auch das Image von Sizilien und seinen Vulkanen als Reiseregion, das eng verbunden ist mit den Reisemotiven. Geklärt werden soll, welche Besuchertypen aus welchen Motiven, aktive Vulkane besuchen. Ferner soll der Frage nachgegangen werden, wie die Bedürfnisse und Wünsche der Vulkan Besucher, ohne eine Gefährdung einzugehen und ohne Naturschäden zu hinterlassen, besser befriedigt werden können.
Des weiteren findet eine Fokussierung auf die Bereiche Urlauberverhalten und Wahrnehmung statt. Da Erhebungen zu diesen Themenbereichen nur in einem nicht ausreichendem Maße durchgeführt wurden, sind eigene Erhebungen (quantitative und qualitative Befragungen) erforderlich.
Die touristische Wahrnehmung und Bewertung der Gefahren daueraktiver Vulkangebiete ist zu ergründen, Einflussfaktoren auf den Wahrnehmungs- und Bewertungsprozess sind zu ermitteln um letztendlich das Verständnis zur Problematik der Wahrnehmung von primär und sekundär auftretenden Gefahren im Raum zu vertiefen. Aus den Ergebnissen sind Rückschlüsse auf ein "Bewusstsein" für vulkanische Gefahren zu ziehen und Erklärungsansätze für mögliches Risikoverhalten zu finden, um auf Basis dessen weiterführende Sicherheitsmaßnahmen aufzuzeigen. Die erarbeiteten Problemlösungsstrategien sind dann für den Vulkantourismus in seiner globalen Ausprägung zu transferieren und zu diskutieren.

Es ist als problematisch anzumerken, dass einerseits die Wahrnehmung und Bewertung von vulkanischen Gefahren durch die Touristen geprägt wird, während andererseits die Experten der öffentlichen Behörden für das Management der Gefahren zuständig sind.
Für ein nachhaltig wirksames Risikomanagement muss die Wahrnehmung der Vulkan-Besucher in den Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden. Bislang stellt dies ein Problem dar, da die öffentlichen Behörden aufgrund fehlender formeller Bewertungsprozesse und des immensen Beschaffungsaufwands für empirische Daten nicht über direkte und konsistente Informationen zur Risikowahrnehmung durch die Touristen verfügen. Die Forschungsresultate werden den zuständigen Stellen des behördlichen Risikomanagements zur Verfügung gestellt werden. Diese können helfen die touristische Wahrnehmung und Bewertung des Risikos aus verschiedenen Naturgefahren besser abzuschätzen, um Entscheidungen bedürfnisgerecht zu gestalten und geeignete Maßnahmen zu treffen.

Gerade durch die Darlegung der Reisemotive, des Urlauberverhaltens und der Wahrnehmung der deutschsprachigen Reisenden, die als größte Besuchergruppe im sizilianischen Tourismus einen hohen Stellenwert haben, können Hinweise für tourismuspolitische Veränderungen gewonnen werden. Insbesondere kann der Bereich Tourismusmarketing von den Ergebnissen profitieren und durch neue Konzepte einen optimierten Fremdenverkehr fördern.
Die Zielsetzung wird also auch durch die Motivation bestimmt, dass die Ergebnisse der Arbeit in Tourismuskonzepten ihre praktische Anwendung finden können. Neue Konzepte, die zielgruppenorientiert die große Gruppe der deutschsprachigen Reisenden ansprechen sollen, sollen ein Resultat der empirisch gewonnenen Erkenntnisse sein.
Generell kann festgehalten werden, dass alle Personen und Einrichtungen, die in unmittelbarer Verbindung mit dem Vulkan-Tourismus in Sizilien stehen, ein Interesse an den Ergebnissen z.B. zum Reiseverhalten haben können. Dazu gehören Beherbergung, Gastronomie, touristisches Transportwesen, Tourismusorganisationen, Reiseleiter oder auch die Bergführer. Alle Beschäftigten der aufgeführten Bereiche sind mögliche Interessenten, jedoch mit einem unterschiedlichen Ausprägungsgrad ihres Interesses.
Darüber hinaus befindet sich eine große Gruppe der Interessenten außerhalb der Italienischen Landesgrenze. Es sind in erster Linie die Sizilienbesucher aus den deutschsprachigen Ländern und die zahlreich dort operierenden deutschen Reiseveranstalter. Die Konzepte und Lösungsansätze sollen dazu beitragen, die Zufriedenheit und die Sicherheit der Urlauber zu erhöhen. Für den deutschsprachigen Reisenden können die Ergebnisse ein bedarfgerechtes Tourismusangebot bedeuten, was zu einem erfolgreich(er)en Urlaub führen kann und so den Urlauber enger an das Urlaubsland bindet.